Fakultät Informatik

Geschichte der Informatik an der Technischen Universität München

1967 gilt als das Geburtsjahr der akademischen Informatik an der Technischen Hochschule (nun TUM) in München. Im Wintersemester 1967/68 wurde ein Studienzweig "Informationsverarbeitung" innerhalb des Mathematikstudiums angeboten. Prof. Friedrich L. Bauer begann einen zweisemestrigen Vorlesungszyklus "Einführung in die Informationsverarbeitung" mit 30 eingeschriebenen Studierenden - im Wechsel mit Prof. Klaus Samelson, der seinen Zyklus 1968/69 startete. Dieser zweite Zyklus stand hieß bereits "Einführung in die Informatik". 

Im November 1967 fiel der Startschuss für die Forschung. In einem Memorandum  initiierten Prof. Friedrich L. Bauer und Prof. Klaus Samelson den Sonderforschungsbereich 49. Dies war der erste und für lange Zeit auch der einzige Sonderforschungsbereich (SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der TUM. Der SFB 49 ermöglichte es, ein wichtiges Ziel des Aufbauplans zu erreichen: die weitere Ausbildung von Dozenten und Mitarbeitern für das neue Fach. Auf dem vorläufigen Arbeitsprogramm standen: Betriebssysteme (insbesondere Teilnehmersysteme), Programmiersysteme (Programmiersprachen und ihre Compiler), Anwendersysteme (z. B. für mechanisierte Konstruktionen in der Baustatik, mechanisierte Trassierung im Tiefbau, mechanisierte Fahrplan-, Zuglauf- und Triebfahrzeugplanung im Verkehrswesen) und Theorie (Algorithmisierbarkeit, hierzu Theorie der formalen Sprachen, Chomskysche Klasseneinteilung, Ableitungssysteme), Automatentheorie sowie Schaltwerksentwurf.

Im Jahr 1968 fand in Garmisch eine vom NATO Science Committee finanzierte, von Prof. F. L. Bauer organisierte Tagung zum Thema "Software Engineering" statt - ein Begriff, den Bauer damit für dieses Fachgebiet prägte. Die Tagung gilt heute als historischer Meilenstein der Informatik. Ihre Bedeutung ist nicht zu unterschätzen, da in der Folgezeit weltweit ein Problembewusstsein hinsichtlich des bis dahin noch relativ jungen Gebiets des Software-Engineering geschaffen wurde und Forschung, Lehre und Informatikindustrie verstärkte Bemühungen zu seiner Erkundung und Systematisierung zeigten.

1969 verabschiedete ein vom Präsidenten der Kultusministerkonferenz berufener Fachausschuss "Informatik" (Friedrich L. Bauer und Kollegen)  eine Rahmenordung für die Diplomprüfung, deren offzielle Verabschiedung durch die Kultusministerkonferenz erst im Feburar 1973 erfolgte. Im April 1969 bezog die Münchner Informatik einen "Süd(ost)gelände" genannten Bau, spätere Robert-Sauer-Bauten.

Nach 1970 erfolgte die personelle Konsolidierung der Münchner Informatik in der Innenstadt. 

In den 1980er Jahren gewannen die Ingenieurinformatik (Hardware und Software-Engineering) und die Nutzung von Informatik in Anwendungsbereichen verstärkt an Bedeutung. Bei der Entwicklung von Verfahren und Werkzeugen für den Computereinsatz werden einerseits ingenieurwissenschaftliche Methoden in der Informatik eingesetzt, andererseits Anwendungen für die Natur- und Ingenieurwissenschaften und die Medizin entwickelt.

1992 schließlich erfolgte die Trennung der Informatik von der Mathematik: Es wurde neben der Fakultät für Mathematik eine eigene Fakultät für Informatik gegründet. Letztere wuchs stetig und in den 1990er Jahren schuf die TUM-Informatik auf Anwendungen in Wirtschaft, Medizin, Grafik und Biowissenschaften ausgerichtete Lehrstühle.

Ende der 1990er Jahre ging die Münchner Informatik den Weg von der bis dahin auf die zentralen Themen der Informatik ausgerichteten Fakultät, ohne von dieser Orientierung Abstand zu nehmen, in Richtung zentraler Anwendungsfächer. Fünf neue Lehrstühle entstanden. Besonders bemerkenswert war die Einrichtung der Wirtschaftsinformatik in einer Fakultät für Informatik - also mit starker Informatikdominanz - im Zeichen der Digitalisierung eine richtungsweisende Entscheidung. Darüber hinaus entstanden ein Lehrstuhl für Grafikanwendungen und einer für Medizinanwendungen. Über Stiftungsprofessuren wurden nach und nach weitere Lehrstühle und Professuren realisiert, so dass wichtige Themen der Informatik nicht  unbearbeitet blieben, wenn es auch für einen großen Fachbereich wie der TUM-Informatik unmöglich ist, das gesamte Fächerspektrum abzudecken, weder zu Kernfragen der Informatik, noch zu relevanten Anwendungsgebieten. 

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert wurde die Informatik zur dominierenden Disziplin. Internet, Worldwide Web, eingebettete Softwaresysteme und mobile Kommunikation insbesondere das Smartphone sowie die enge Synergie zwischen praktisch allen Anwendungsgebieten und modernen Informatiksystemen, getragen von der weiter exponentiellen Beschleunigung der Leistungsfähigkeit der Informationstechnik, führten zu einem beispiellosen Hype dieser Technologie.

War die Informatik in der Vergangenheit eher ein technisches Fach und wissenschaftlich gesehen oft eine Hilfsdisziplin, so wurde sie zu einer eigenen wissenschaftlichen Methode und dominiert gerade im Wirtschaftsbereich immer mehr die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen. Dies schlug sich auch in der Lehre nieder.

Zum Wintersemester 2005/06 vollzog die Fakultät als eine der ersten Informatik-Fakultäten Deutschlands den vollständigen Umstieg gemäß dem Bologna-Prozess. Außerdem ist die Fakultät in erheblichem Maß am internationalen Masterstudiengang Computational Science and Engineering (CSE) sowie an den Elitestudiengängen Technology Management, Finance and Information Management, Bavarian Graduate School of Computational Engineering und Software Engineering beteiligt. Schwerpunkte der Forschung sind heute Software-Engineering, verteiltes paralleles Höchstleistungsrechnen, verteilte intelligente Systeme, wissenschaftliches Rechnen, Theoretische Informatik, wissensbasierte Systeme und Robotik, Wirtschaftsinformatik, Bioinformatik sowie Informatik in der Medizin.

Ein gezielt ausgebauter Schwerpunkt ist des weiteren das Software-Engineering. Hier besteht eine enge Vernetzung der TUM-Fakultät mit Software-Firmen und Anwendern in der Finanzdienstleistung, Telekommunikation, Elektrotechnik, Automobilwesen, Luftfahrt, Robotik und Automatisierungstechnik. Das Thema „Software im Automobil“ hat die Fakultät weltweit mit angestoßen. Mit führenden Automobilherstellern, insbesondere mit BMW und Audi, besteht eine enge Kooperation auf diesem Gebiet. Aktuell gibt es 24 Lehrstühle, 39 Professorinnen und Professoren sowie 4744 Studierende (WS 2016/17).